Die Nacht als meine Mutter starb

Die Nacht als meine Mutter starb.

Es war der 8. November….
Sonntagabend….

Meine Mutter lag im Krankenhaus.
Ich lag Zuhause im Bett und schaute Grill den Henssler.

Es war ein ungewöhnlicher, lauer November Abend, deshalb war das Schlafzimmerfenster offen. Ich hörte von draußen eine Krähe schreien.
Deshalb wollte ich sofort ins Krankenhaus fahren. Ich wusste, spürte dass nun der Sterbeprozess bei meiner Mutter begann….. aber mein Mann meinte, es ist alles okay. Wenn etwas passiert wäre, hätte uns das Krankenhaus informiert.

In der kommenden Nacht konnte ich nicht gut schlafen…. wälzte mich hin und her.
Es war eine furchtbare Nacht.

Am Montag um 5 Uhr in der früh rief uns mein Bruder an und informierte uns, Eine der Krankenschwestern ins Krankenhaus bestellte. Wir erfuhren, dass meine Mutter in der Nacht verstarb.
Ich machte mir Vorwürfe, weil ich nicht bei ihr war.
Dass ich ihr nicht die Hand hielt, als sie über die Regenbogenbrücke ging.
Dass sie alleine von uns ging.

Rückblick eine Woche zuvor.

Ich bekam vom Freund meiner Mutter einen Anruf, dass sie meine Mutter ins Krankenhaus brachten.

Sie war am Wochenende öfter gestürzt und kam an jenem Morgen nicht mehr aus dem Bett.

Wir machten uns sofort auf dem Weg ins Krankenhaus. Haben ihr Hygiene Sachen, Schlappen und Kleidung gebracht und ein paar Zeitschriften zum Lesen.

Am Montag als meine Mutter ins Krankenhaus kam, konnte ich das letzte mal mit ihr sprechen.

„Ich hab dich lieb mein Weibi,“ sagte ich zu ihr.
Sie schaute mich an und erwiderte: „ich hab dich auch lieb. Ich war schon immer dein Weibi.“
Ja sie war immer mein Weibi und noch viel mehr.

Von Montag bis Sonntag, haben wir meine Mutter jeden Tag im Krankenhaus besucht. Von Montag bis Donnerstag wussten die Ärzte nicht, was meine Mutter hatte. Sie ließen einen Speziallisten kommen, der sich ihr Gehirn näher anschauen sollte, weil es unklar war, was nun das Problem war. Leider kam der Arzt erst kurz vor dem Wochenende. Wie sich herausstellte, viel zu spät, als dass meiner Mutter geholfen werden konnte.

Ich bin jeden Tag am Krankenbett von meiner Mutter gesessen. Ab Dienstag ging es ihr stetig schlechter. Ich hab ihr das Gesicht gewaschen und ihr Haar gebürstet. Wenn sie etwas zum trinken wollte, half ich ihr dabei. Dann kam der Punkt, wo ich ihr nichts mehr zum Trinken geben durfte, weil die Gefahr bestand dass sie sich verschluckt und daran erstickte.

Von Donnerstag weg, sprach meine Mutter nicht mehr. Sie schaute einen an, aber man wusste nicht, was sie sich dachte oder vielleicht sagen wollte. Sie schlief sehr viel. Immer bevor ich ging, deckte ich ihre Füße ab. Sie mochte es nicht, wenn die Füße mit der Decke zu gedeckt waren. Sie brauchte Luft an den Füßen um besser schlafen zu können. Diese Angewohnheit hab ich denk ich von ihr übernommen.

Wenn ich merkte, dass ich schwach wurde und den Tränen nah war, ging ich aufs Klo. Ich heulte dort still und leise. Sammelte mich wieder und ging dann wieder positiv zu meiner Mutter an das Krankenbett.

Am Freitag hatten wir dann ein Arztgespräch. Meine Mutter hatte einen Gehirntumor der schon weit fortgeschritten war. Dafür musste erst ein Speziallist kommen? Hätte man das nicht schon ein paar Tage früher feststellen können? Was hatte das nun zu bedeuten? Chemotherapie? Wird meine Mutter nun ein Pflegefall? Wie kann ich ihr helfen? Unzählige Gedanken schoßen mir in den Kopf aber damit habe ich nicht gerechnet…. die fortgeschrittene Medizin konnte meiner Mutter nicht mehr helfen. Meine Mutter hatte noch ein paar Tage, Wochen oder mit ein bisschen Glück ein paar Monate zu Leben.

Mir zog es den Boden unter den Füßen weg.
Meine Mutter wird sterben?
Das darf nicht wahr sein.
Irgendwas musste man doch tun können!
Außer Abwarten….
Hier sein.

Ich informierte meinen Bruder und meine Schwester.

Ich hab beide darauf hingewiesen, wenn sie an das Sterbebett bekommen, dass sie meiner Mutter Respekt zollen sollen und ihre Streitigkeiten hinten anstehen müssen und wenn sie dass nicht können, dass ich beide Heim schicken werde. Das war wohl das schwerste, was ich jemals zu ihnen sagte.

Jeden Abend, viel mir der Abschied schwerer. Jeden Tag fuhr ich 2 Stunden hin und her… um bei meiner Mutter zu sein. Am Sonntag sträubte ich mich. Ich wollte bei ihr bleiben. Ich wusste,…. wenn ich geh…. werde ich sie das letzte mal lebend sehen..

Am Montag, der 9, November 2015 kam in der früh, der Anruf. Es war der Tag wo die Welt für mich still stand, mir der Atmen fehlte.
Es war der schlimmste Schmerz den ich bisher erfahren musste.

Wir fuhren sofort in die Klinik. Ich setzte mich an ihr Krankenbett. Ich nahm ihre lauwarme Hand in die Meine und hielt sie fest. Tränen liefen an meiner Wange entlang und tropften auf ihre Hand. Ich schaute sie an, solange ich konnte.
Ich hatte das Gefühl, sie würde einfach nur schlafen und jeden Moment aufwachen um sich über meinen Besuch zu freuen.
Mich mit ihrer liebenswerten, freundlichen Art die sie hatte anlächeln. Ich streichelte ihr über die Wangen und über ihr graues Haar. Ihr Gesicht war starr aber doch noch lauwarm. Ich stand auf, beugte mich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Ihr Leichnam roch noch immer nach meiner Mutter.

Ich konnte nicht mehr aufhören zu Weinen.
Es kam mir vor als wäre ich in einem Alptraum gefangen.

Ich wiederholte mich, immer wieder, hab sie gebeten aufzuwachen, aufzustehen. Ich wollte noch einmal in ihre Augen sehen. Sie in den Arm nehmen und ihr einen Kuss geben. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie liebe und dankbar für alles bin, was sie je für mich tat. Aber ich wusste, dass das nicht mehr möglich war.
Aber ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Ich wollte nicht dass sie mich alleine zurück lässt. Wer war noch für mich hier? Meine Geschwister eher nicht. Und die Beziehung zu meinen Mann ist eine andere als zu meiner Mutter. Meine Mutter war einfach so viel mehr für mich. Genauso wie mein Mann die ganze Welt für mich ist.

Immer wieder gab ich ihr einen Kuss auf die Hand.
Immer wieder streichelte ich ihren Kopf, ihre grauen Haare.
Eine Stunde verging, dann kam mein Bruder.
Zwei Stunden vergingen und die Tochter vom Freund meiner Mutter kam.

Mein Mann war die ganze Zeit an meiner Seite. Er hat mir Trost und Halt gegeben.

Meine Schwester,… sie schaffte es nicht zum Sterbebett um sich von unserer Mutter zu verabschieden.

Jeder wollte mich von meiner Mutter weg reißen. Am liebsten hätten sie mich an die Hand genommen und mich von meiner Mutter gezogen. Aber ich wollte nicht gehen. Meine Mutter nicht verlassen. Für immer gehen zu lassen.
Niemand verstand, dass für mich eine Welt zusammen brach. Dass ich um meine Mutter trauern wollte und doch nicht durfte. Ich wusste, dass ich mich nun um die nächsten Schritte kümmern musste. Ich spürte wie die letzte Wärme aus ihrem Körper wich und nur noch die reglose, kalte, Hülle ihrer Seele überblieb.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.
Mein Herz schmerzt noch immer sehr, weil meine Mutter alles für mich war und wenn ich könnte würde ich gern im Himmel anrufen um mit ihr zu reden.
Und wenn es Besuchszeiten geben würde, würde ich jede einzelne Sekunde wahrnehmen um einfach ihre Mutterliebe spüren zu dürfen.

Im stillen Gedenken an meine Mutter!

3 Gedanken zu “Die Nacht als meine Mutter starb

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